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Prinzessinnen

Menschen dürsten nach dem Wissen über die Dinge, um sie zu verstehen. Die Dinge interessiert das nicht. Sie geschehen einfach und es ist ihnen egal, ob wir sie verstehen oder nicht. Manchmal ist es besser, nicht zu verstehen, sondern zu fühlen und aus dem Fühlen wird Verständnis wachsen…


„Christian Svensson“ steht als Name an einer zerkratzten Tür im Erdgeschoss eines dreistöckigen Mietshauses im Hamburger Oddernskamp. Das bin ich. Meine beiden Mitbenutzer der vierzig Quadratmeter großen WG verzichten auf eine Namensnennung an der Tür.
Es ist ein Montag im November 2004 und ein Blick aus dem Fenster zeigt mir einen Morgen, der nass und kalt ist. Wie des Öfteren, bin ich zu spät aufgewacht. Meine Mitbewohnerinnen fanden es lustig, in der Nacht lautstark eine Meinungsverschiedenheit auszutragen. Jetzt liegen sie neben mir, als könnten sie kein Wässerchen trüben.
Also ist Schnellstart angesagt. Eine kalte Dusche – das bügelt die Falten aus dem Gesicht - und ein Kontrollblick in den Spiegel. Das müde Montagsgesicht eines Mittvierzigers, in dem die Party gestern ihre Spuren hinterlassen hat, grinst mich an. Frühstück fällt heute aus, schließlich habe ich nur ein Auto und keinen Jet. Den beiden Verrückten noch das Essen hinstellen –ich bin ein Gentleman – und dann im Tiefflug von Hamburg nach Kiel. Das war mein Plan.
Die Herrinnen des Hauses schienen ihn nicht zu kennen, denn sie blockieren die Ausgangstür. Die Kleine hat dabei wieder diesen „Hasch-mich-wenn-du-kannst“-Blick im Gesicht und die Große schaut Löcher über mir in die Wand.
„Mädels, ich habe heute weder Zeit noch Lust für Spielchen.“
Sie taten, als sei ich Luft. Dann eben nicht. Ich drängte mich an beiden vorbei zur Tür. Die Kleine fauchte mich an, dass es mir die Haare aufstellte und die Große presste ihren Hintern gegen die Tür. Der zweite Versuch endete mit einem dicken Kratzer auf meinem Handrücken. So langsam wurde ich sauer. Beide sind weiblich und damit wie alle Angehörigen ihres Geschlechts immer für eine Überraschung gut, aber das ging eindeutig zu weit.
Bis jetzt hatten sie sich immer dankbar dafür gezeigt, dass ich ihre Miete zahlte, mich im Gegenzug als Mitbewohner geduldet und auch nicht allzu oft den Chef raushängen lassen. Ausgerechnet heute musste ihnen einfallen, eine grundsätzliche Diskussion zur Hackordnung in dieser Wohnung anzufangen.
Zehn Minuten später jage ich den Wagen mit zweihundert über die A7 in Richtung Kiel. In meinem Kopf rumort die Frage, in welchem Film ich gerade den Narren gegeben hatte. Kurz vor der Gabel Flensburg-Kiel wie aus dem Nichts eine Nebelbank. Blaulicht und Magnesiumfackeln rasen an mir vorbei – Vollbremsung! Adrenalin schießt ins Blut und macht aus meinem rechten Fuß eine Dampframme. Die Räder krallen sich in den Asphalt und trotzdem rase ich auf eine dunkle Wand zu. ABS und ESP spielen verrückt. Dann schälen Blaulichtblitze einen umgestürzten LKW vor mir aus dem Nebel. Doch der Aufprall kommt nicht – zumindest nicht so. In letzter Sekunde reißt mein Unterbewusstsein das Lenkrad herum und den Wagen in die Leitplanke. Die Geschwindigkeit ist bereits so niedrig, dass nicht einmal der Airback zündet.

Nach ein paar Minuten habe ich mich wieder soweit im Griff, dass ich aussteigen und mich nach den Vorgängen erkundigen kann. Ich erfahre, dass vor fünf Minuten die Polizei eintraf und die Magnesiumfackeln im Nebel zündete. Die fünf Minuten, die ich an meiner Wohnungstür gekämpft hatte, bis die Damen die Tür freigaben…
Ich bin Informatiker, noch dazu männlich und glaube nur an die Dinge, die man anfassen und beweisen kann. Alles andere gehört ins Reich der Fantasie und Fabel. Vorausahnungen, Empathie und Seele sind Mystik – nichts für mich. Ich sehe und fühle so etwas nicht.
Die beiden Damen? Kuschel ist letztes Jahr gegangen, still und leise, wie sie auch gelebt hat. Eines Tages kam sie nicht mehr nach Hause und ich wusste, dass ihre Zeit gekommen war. Krümel liegt neben mir, hat ein stilles Grinsen im Gesicht und wenn ich einmal vergesse, sie zu streicheln, buffelt sie mich mit ihrem Köpfchen an, als wollte sie sagen: „Alles ist gut“.
Ach so – Kuschel und Krümel sind zwei ausgesetzte Straßenkatzen. In jeder Stadt gibt es tausende davon…

(C) by me, May 2011


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13.03.2011

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